Bernhard Seger und das Biosphärengebiet Schwarzwald.


Der ehemalige Bürgermeister von Schönau Bernhard Seger hat 2014 anlässlich der Zukunftswerkstatt in Höchenschwand einen Vortrag über das Biosphärengebiet Schwarzwald gehalten, den ich für sehr bemerkenswert halte und ihn deshalb gerne nachfolgend in meinem Internetblock veröffentliche.

Verehrte Gäste,

„Wie kamen wir eigentlich auf die Idee, ein Biosphärengebiet zu wollen?“

 

Darüber, und was ich mit einem Biosphärengebiet verbinde, möchte ich Ihnen berichten.

 

Vor 13 Jahren wurde der Zweckverband „Naturschutzgroßprojekt Feldberg-Belchen-Oberes Wiesental“ gegründet. Was war der Anlass?

Vielerorts hatte sich das Landschaftsbild nachteilig verändert, Weidfelder waren der Sukzession überlassen und in den Wäldern war die Jungwuchspflege und die Durchforstung aus finanziellen Gründen hinausgeschoben worden. Es bestand Handlungsbedarf, deren Kosten die Gemeinden damals überforderte.

 

Die Skepsis und die Zweifel waren auch bei der Gründung dieses Verbandes groß über die neue „Käseglocke“, wie das Großprojekt von den Kritikern genannt wurde. Und wie heute waren u.a. die Kosten der Verwaltung und der Planung „heiße“ Diskussionspunkte.

 

In das Großprojekt wurden während seiner 10-jährigen Laufzeit rd. 6 Mio. € investiert, davon waren 90 % Fördermittel des Bundes und des Landes. „Ein erfolgreiches, vorbildliches Förderprojekt“, „positiv für das Landschaftsbild“ – so wurde das Projekt am Ende von den Beteiligten beurteilt. Auch das „LIFE-Projekt Oberer Hotzenwald“ mit 1,7 Mio. € Fördervolumen wurde ähnlich bewertet. Dazu ist zu bemerken: Dies waren reine Naturschutzprojekte und trotzdem keine Käseglocken.

 

Doch aus beiden Projekten erwuchs eine nennenswerte regionalwirtschaftliche und strukturpolitische Bedeutung; die beteiligten Unternehmen und die örtliche Land- und Forstwirtschaft profitierten davon. Die Projekte trugen dazu bei, dass z.B. landschaftsprägende Weidfelder durch Landwirte weiter bewirtschaftet werden können. Wald- und Weideflächen wurden naturschutzfachlich verbessert. Und es wurde mit erreicht, dass die Landschaft offen gehalten wird, was nicht nur naturschutzrelevant ist, sondern was sich äußerst positiv auf das Landschaftsbild auswirkt und damit auch dem Tourismus nützt.

Auch das Bewusstsein für den Umwelt- und Naturschutz wurde bei allen Akteuren geschärft. So habe ich das Gefühl, dass die betroffenen Landwirte in diesen Projektgebieten heute anders „ticken“ als ihre Kollegen, die nicht von diesen Förderprojekten profitierten.

 

 

Doch wie geht es weiter?

Wie können die im Großprojekt erzielten Erfolge erhalten bleiben, denn die 7,7 Mio. € Projektkosten sollen ja nicht für die „Katz“ gewesen sein? Und wie können diese positiven Ergebnisse auf die gesamte Region, auch außerhalb der Schutzgebiete, übertragen werden?

Aus dieser Sorge über die künftige Entwicklung wurde die Idee eines Biosphärengebietes geboren.

 

Und nun diskutieren wir seit 4 Jahren über diese Idee. Doch wenn ich sehe, dass in dieser Diskussion das Biosphärengebiet fast nur unter den Aspekten „Naturschutz, Landwirtschaft und Forstwirtschaft“ gesehen wird, dann geht das m.E. wesentlich an unseren damaligen Vorstellungen und am Thema vorbei. Denn ein Biosphärengebiet ist mehr. Ein Biosphärengebiet ist mehr als ein Schutzgebiet. Im Grunde geht es nämlich darum, eine Antwort zu finden auf eine ganz wichtige Frage über die Zukunft unserer ländlich geprägten Region:

 

Wie können wir unseren Lebensraum für zukünftige Generationen erhalten?

 

Wir benötigen eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, ohne unsere Natur aufs Spiel zu setzen.

Denn Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung sind keine Gegensätze, sondern sie lassen sich im Biosphärengebiet bestens verbinden, um die Gemeinden in der Region für die Zukunft fit zu machen.

 

 

Sie werden fragen:

Brauchen wir überhaupt ein Rezept für diese Regionalentwicklung?

 

Ich meine ja, und sehe dabei primär die demografische Entwicklung: Geburtenrückgang, Wanderungsverluste und eine Alterspyramide, die eher einen „Alterspilz“ darstellt.

–        Wie entwickeln sich unsere Siedlungen mit zahlreichen leerstehenden oder fast leerstehenden Gebäuden?

–        Und wie ist die gemeindliche Infrastruktur künftig noch ausgelastet?

Ich denke auch an Fragen einer möglichen regionalen Energieversorgung, und welche Auswirkungen ein Klimawandel auf Land- und Forstwirtschaft haben wird.

 

Ein Biosphärengebiet könnte ein Netzwerk aller Interessengruppen schaffen (Bewohner, Land- und Forstwirtschaft, Tourismus, Gewerbe). Ein Netzwerk, über das seit Jahren immer nur geredet wird (ich denke z.B. an ein Thema wie „Vermarktung der regionalen Produkte“), aber es fehlt der „Kümmerer“. Und diese „Kümmererfunktion“ wäre eine wichtige Aufgabe des Biosphärengebietes, nämlich

–        Die regionale Wertschöpfung zu stärken und dabei die natürlichen Besonderheiten der Region zu erhalten,

–        und eine Identität der Region zu schaffen.

 

Im Biosphärengebiet ginge es auch um die Sicherung der vorhandenen Arbeitsplätze, damit die Nebenerwerbslandwirte in der Nähe Arbeit finden. Diese bewirtschaften Weidfelder und sorgen für die nachhaltige Pflege der Landschaft, was wiederum Voraussetzung für eine touristische Entwicklung ist.

Kurz gesagt: Ohne gewerbliche Arbeitsplätze keine Landwirte, ohne Landwirte keine schöne Landschaft und ohne diese kein Anreiz im Tourismus – ein Kreislauf!

 

Ein Schwerpunkt im Biosphärengebiet wäre die Stärkung der einheimischen Wirtschaft, denn ein attraktives Wohnumfeld im Südschwarzwald wird ein zunehmendes Gewicht bei der Anwerbung von Fachkräften besitzen.

 

 

„Wir brauchen nicht noch mehr Naturschutz!“

So ähnlich lautet die Redensart in der Diskussion.

 

Ich meine: Noch mehr Naturschutz, wie wir bereits haben, geht eigentlich gar nicht. In FFH-, Vogelschutz-, Landschaftsschutz- und Naturschutzgebieten und weiteren Biotopen ist derzeit alles geschützt und geregelt. Und ich glaube auch, dass die Landwirtschaft in den Höhenlagen bereits seit Jahren wertvolle Naturschutzarbeit leistet. Doch merkt sie es nicht, oder will sie es nicht wissen, denn warum werden die Belange des Naturschutzes oft als Feindbild gesehen?

 

 

„Wieviel Geld bekomme ich im Biosphärengebiet?“, wird oft gefragt.

 

 

Natürlich ist diese Frage m.E. erlaubt, doch unsere nachkommenden Generationen werden nicht fragen, „wieviel Geld bekomme ich?“, sondern „ist diese Heimat und dieses Umfeld, das mir meine Vorfahren hinterlassen haben, überhaupt noch interessant und lebenswert?“

 

In der Diskussion ums Biosphärengebiet ist auch die Rede von enormen finanziellen Einbußen, welche die Gemeinden durch die Ausweisung von Kernzonen erleiden. So habe ich einem Zeitungsartikel entnommen, dass nach Aussage der Forstbehörde eine Gemeinde im Wiesental jährlich auf 10.000 € Gewinn verzichten würde, wenn sie eine 27 ha große Waldfläche als Kernzone ausweist. Mir scheint, dass etwas mehr Sachlichkeit gefragt wäre. Oder sind unsere Wälder mit diesem „Biosphärengebiets-Thema“ plötzlich zu Goldgruben geworden?

Meine Damen und Herren,

Sie werden sagen, der Bernhard Seger hat ja gut reden: Er ist jetzt Pensionär und ist vermutlich zeitlebens auf einem Bürostuhl gesessen. Und er hat keine Ahnung, vor allen Dingen keine Ahnung von der Landwirtschaft.

So ähnlich hat sich ein maßgeblicher hauptamtlicher Bauernfunktionär mir gegenüber auch einmal ausgedrückt. Doch auf meinen Brief hin hat er sich nicht mehr geäußert.

Ich bin in einem landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb aufgewachsen, ich habe dort mitgearbeitet und in meinen ersten 25 Lebensjahren noch viele landwirtschaftliche Tätigkeiten in Handarbeit verrichtet. Ich habe in den 50er-Jahren die beginnende maschinelle Bewirtschaftung der Flächen erlebt und damals meinen Vater wegen seiner „altmodischen“ Denkweise  und nachhaltigen Wirtschaftsweise belächelt. Heute muss ich gestehen: Er hatte weitgehend recht.

Darum glaube ich Ahnung und etwas praktische Erfahrung zu haben,  bestimmt so

viel wie der vorgenannte Bauernfunktionär an seinem Schreibtisch.

 

 

Ein Biosphärengebiet wäre natürlich eine Herausforderung für alle Akteure.

 

Bisher sind wir es gewohnt, dass schlaue Beamte in den Ministerien und andere Experten Programme erfinden, nach denen das Geld (möglichst aus Gießkannen) verteilt wird.

Jedoch, in einem Biosphärengebiet müssten die hier wohnenden und wirtschaftenden Menschen sich selber Gedanken machen, wie die Zukunft aussehen soll und welche Projekte dazu sinnvoll sind. Das kann oder wird für jede Gemeinde unterschiedlich sein.

Darum wäre das Biosphärengebiet kein Programm sondern ein fortlaufender Prozess, der

–        sich an den Menschen und am Prinzip orientiert, „unsere Natur zu nutzen, ohne ihr zu schaden“,

–        und der die Belange der Bevölkerung, der Wirtschaft und des Naturschutzes in Einklang bringt.

 

In diesem Sinne schließe ich mit einem Zitat von Richard von Weizsäcker:

„Lassen Sie uns alles daransetzen, dass wir der nächsten Generation, den Kindern von heute, eine Welt hinterlassen, die ihnen nicht nur den nötigen Lebensraum bietet, sondern auch die Umwelt, die das Leben erlaubt und lebenswert macht.“

 

Bernhard Seger

 



© Hans Ulrich Lochar 2019